Konstellationen

Klaus F. Gille: Konstellationen. Gesammelte Aufsätze zur Literatur der Goethezeit
Trafo-Verlag Berlin, 2001
http://www.trafoberlin.de/
EUR 21.80 

Die reiche literarische Landschaft um 1800 entfaltet sich erst, wenn man die kanonischen Fixierungen einer herkömmlichen Literaturgeschichtsschreibung aufbricht und die Protagonisten divergierender literarischer und literaturpolitischer Konzepte in ihrem Mit- und vor allem Gegeneinander ernstnimmt. Diesem Konzept ist der Titel Konstellationen (Dieter Henrich) geschuldet. So geht es bei den Auseinandersetzungen zwischen den älteren Aufklärern wie Gottfried August Bürger, Friedrich Nicolai und Johann Kaspar Friedrich Manso und den jüngeren Klassikern und Romantikern (Schiller, Friedrich Schlegel) nur vordergründig um ästhetische Fragen; im Hintergrund steht die Wahrnehmung tiefgreifender sozialer Umbrüche und die Frage mit welchen literaturpolitischen Konzepten - z.B. denen einer literarischen Öffentlichkeit - diesen gegengesteuert werden kann. Auch von Klassikern und Romantikern untereinander werden solche Konzepte unter den Stichworten Remythisierung und Öffentlichkeit als Varianten ästhetischer Erziehung diskutiert. Soll sich Literatur auf eine grundsätzlich egalitär gedachte Kommunikationsgemeinschaft (Zeitschrift, Salon) richten, wie die Aufklärung meinte oder auf das unvergesellschaftete Individuum , wie man in Weimar und Jena dachte? Und wenn das letztere angenommen wird, was sind dann die erkenntnistheoretischen Bedingungen, unter denen sich die Genialität des Auslegers konstituiert? Nach der Jahrhundertwende wird dann der Begriff der Nation zum Referenzrahmen, in dem die entstehende Germanistik Konzepte eines nationalpädagogischen Programms, z.B. anhand des Nibelungenliedes , formuliert

Einen weiteren Schwerpunkt des Bandes bildet die monographische Lektüre einiger kanonischer Texte der deutschen Literatur von Ludwig Tieck, Adelbert von Chamisso, Georg Büchner und Heinrich Heine. Hier tritt der literarische Text in eine Konstellation mit dem modernen Leser; auch hier ist die Erfahrung von Krisen und Umbrüchen in Politik und Gesellschaft seit der Wende vom 18. zum 19, Jahrhundert konstitutiv und bestimmt eine aktualisierende Lektüre im Lichte unserer Erfahrung.

Inhaltsverzeichnis
o Vorbemerkung
o Remythisierung und Öffentlichkeit.
Pragmatische Aspekte der Diskussion ästhetischer Erziehung im Zeitalter der Französischen Revolution
o Schillers Rezension "Über Bürgers Gedichte" im Lichte der zeitgenössischen Bürgerkritik
o "Ein angenehmer Traum eines guten Kopfs".
Friedrich Nicolai und Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung. Mit einigen methodologischen Nachbemerkungen
o Johann Kaspar Friedrich Manso im Horenkampf.
Zur Wirkungsgeschichte von Schillers Zeitschrift
o Die undialektische Aufklärung ­
Bemerkungen zu Friedrich Nicolais Vertrauten Briefen der Adelheid B**
o Die Genialität des Auslegers. Zur Geschichte und Systematik des Divinationstheorems
o "was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur?" - Zum Verhältnis von Germanistik und Nation im 19. Jahrhundert
o "Das erhabenste und vollkommenste Denkmal einer so lange verdunkelten Nazionalpoesie" ­  Zur Genesis des Nibelungenliedes als deutscher Urtext
o "Uns ist nun die Betrachtung um so viel bequemer gemacht". Goethes Lektüre des Nibelungenliedes
o Varnhagen von Ense ­ Rahels Witwe und Graue Eminenz. Skizze einer literarischen Persönlichkeit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
o Der Berg und die Seele ­ Überlegungen zu Tiecks Runenberg
o Der Schatten des Peter Schlemihl
o Büchners Danton als Ideologiekritik und Utopie
o Heines Atta Troll ­ "Das letzte freie Waldlied der Romantik"?
o Drucknachweise
o Personenregister

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Noch immer erhältlich:
Klaus F. Gille: Zwischen Kulturrevolution und Nationalliteratur. Gesammelte Aufsätze zur Goethe und seiner Zeit, hg. v. Hannelore Scholz, mit einem Geleitwort von Karl Robert Mandelkow, trafo verlag, Berlin 1998, EUR 14.80. Info: http://cf.hum.uva.nl/kgille/Kulturrevolution.html